Eine Brücke über den Neusiedlersee, eine Schnellstraße zwischen Eisenstadt und Neusiedl, eine Müllverbrennungsanlage in der stillgelegten Zuckerfabrik in Cindrof/Siegendorf: ginge es nach den Plänen der selbsternannten Macher und Arbeitsplatzsicherer, wäre das Burgenland heute nicht so rückständig wie es ist. Mitte der Achtziger Jahre sollte auf der Hutweide in Trajštof/Trausdorf ein Flughafen gebaut werden. Landeshauptmann Theodor Kery und der spätere Generalintendant des ORF Taddhäus Podgorski standen damals knapp davor, gegen den erbitterten Widerstand der Grundeigentümer und Anrainer ihr Flug-Hobby zu einem öffentlichen Anliegen zu machen. Im Falter 2/1985 rekapituliere ich diese unglaubliche Geschichte, die später in letzter Sekunde ein gutes Ende gefunden hat.

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Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten

Burgenländerwitze sind allgemein beliebt. Was an ihnen so besticht, ist die kaum zu übertreffende Blödheit ihrer Hauptdarsteller, die sie schon fast wieder liebenswert macht. Aber eben nur fast: Die Realität stellt die gemeinsten und hinterhältigsten Witze um Längen in den Schatten. Also: Leset und staunet!

Am 23. Mai 1983 lief der 20-jährige Pachtvertrag zwischen der Gemeinde Trausdorf (drei Kilometer von Eisenstadt) und dem Union Sportflieger-Club Eisenstadt-Trausdorf ab. Schon über ein Jahr zuvor hatten sich sowohl die Urbarialgemeinde Trausdorf (85 Prozent-Eigentümerin) als auch die politische Gemeinde Trausdorf (15 Prozent-Eigentümerin) jeweils einstimmig gegen eine Weiterverpachtung des 90 ha großen Areals ausgesprochen. Durch diese Beschlüsse sahen die Eigentümer die Angelegenheit ein für allemal geregelt; die Idee, daß ohne ihre Zustimmung der Flugplatz weiterbestehen könnte, kam ihnen nicht in den Sinn.

Ihre Naivität sollte freilich bestraft werden: Als für den Obmann des Flieger-Clubs Taddhäus Podgorski feststand, daß mit einer weiteren Zusammenarbeit zwischen den Flugplatzbetreibern und den Trausdorfern nicht mehr zu rechnen sei, setzte er seine Beziehungen in Politik und Medien ein, um gegen den Willen der Eigentümer den Flugbetrieb weiter zu führen.

In seinen Bemühungen fand er einen kongenialen Partner im Landeshauptmann des Burgenlandes Theodor Kery. Dieser hatte im Jahre 1978 den Pilotenschein erworben und nach einer hohen Subvention für die Fliegergruppe des ASKÖ Eisenstadt das Recht zugestanden bekommen, die auf dem Flugplatz Trausdorf stationierten Maschinen gratis zu benützen.

Die konzertierte Parallelaktion, die die beiden Herren in der Folge ins Rollen brachten, ließ den naiven Trausdorfern Hören und Sehen vergehen.

Vorerst setzte sich Kery mit seinem einstigen Kulturlandesrat Fred Sinowatz in dessen Eigenschaft als Unterrichtminister in Verbindung und überredete ihn zu einer historischen Tat: Die 1965 gegründete „Höhere Abteilung für Flugtechnik der HTL Schellinggasse“ übersiedelte im Herbst 1982 von Wien nach Eisenstadt. Dort sollte einerseits ein für 860 Schüler konzipierter, aber nur von 300 Lernwilligen besuchter HTL-Neubau befüllt werden, andrerseits sollte die Notwendigkeit des Flugfeldes Trausdorf für Unterrichtszwecke begründet werden.

Trotz massiver Widerstände der Schüler, Eltern und Lehrer der HTL-Schellinggasse (die zu 80 Prozent von Wienern, aber nur zu zwei Prozent von Burgenländern besucht wird) zog Sinowatz die Gewaltlösung durch. Für die Betroffenen bringt die Verlegung selbstredend etliche Belastungen mit sich: der Großteil der Flugtechnik-Schüler muß ins Internat; Familien werden frühzeitig auseinandergerissen; die Anreise aus den Bundesländern ist komplizierter. Andererseits gab man in Wien eine Infrastruktur auf, über die Eisenstadt nie verfügen wird. Unmittelbar neben der Dependance der HTL in der Leberstraße lagen die Windkanalanlagen des Arsenals, der Austausch mit den Studienrichtungen Elektro- und Nachrichtentechnik und Kontakte zu Institutionen sind extrem erschwert. Jener Teil der Ausbildung, für den der Flugplatz Trausdorf übrigens in Frage kommt (Segelflug), umfaßt im Lehrplan genau eine Woche pro Jahr.

Dieser Streich der Hobbyflieger fand freilich auf einem Nebenkriegsschauplatz statt - das Hauptgefecht spielt sich im Gerichtssaal ab. Schon in zwei Instanzen haben die Richter die Räumungsklage der Trausdorfer nämlich mit folgender Begründung abgewiesen: Aus dem Pachtvertrag sei ein Bestandsvertrag geworden; die Miete eines Geschäftsgrundstückes, auf dem ein auf Gewinn ausgerichtetes Unternehmen betrieben wird, unterliegt dem alten Mietengesetz; aus diesem Grund treten die Übergangsbestimmungen in Kraft, die eine Kündigungsfrist bis zum 31. Dezember 1986 vorschreiben.

Im Gerichtssaal selbst wird mit ungleichen Waffen gekämpft: Während der gerichtliche Vertreter des Fliegerclubs Dr. Josef Lenz seine Klienten mit vollem Engagement vertritt (er ist Präsident des Österreichischen Aeroclubs), kann man das von seinem Widerpart Dr. Josef Kellner nicht behaupten: Der Wochenend-Trausdorfer aus Wien versäumte in dieser Causa schon eine Berufungsfrist und wurde seinerzeit von den Urbarialisten wegen „seiner Objektivität in der Sache" ausgewählt. Wo sonst findet man Menschen, die so sehr an die Legalität und die Legitimität eines Gerichtsurteils glauben und deshalb vorbeugend ihre Interessen nicht zu vehement geschützt sehen wollen?! (Ratschlag der Trausdorfer SPÖ-Ortsgruppe anläßlich eines Aufrufs zum aktiven Widerstand: Man solle doch zu Hause bleiben und in Ruhe die Entscheidung der Gerichte abwarten.)

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Bis zu einer gerichtlichen Klarstellung wird selbstverständlich weitergeflogen. Das heißt also mindestens bis Ende 1986, denn die im kommenden Frühjahr anstehende Verhandlung in der dritten Instanz wird mit ziemlicher Sicherheit nichts Neues bringen. Mit dieser Galgenfrist geben sich die Flieger allerdings nicht zufrieden. Wenn sie bis Ende 1986 keine Verlängerung des Vertrags erreichen, wollen sie eine Enteignung in „öffentlichem Interesse" anstreben.

Und daran wird auch schon fleißig gearbeitet: „Öffentliches Interesse" wird bekanntlich durch Landes- und Bundesgesetze definiert. Als personifiziertes Landesgesetz (oberste Behörde für den Zivilflug ist der Landeshauptmann) mußte sich Theodor Kery also nur noch um die Zustimmung des Bundes kümmern, was er auch gründlich tat: die Parteifreunde Fred Sinowatz als Unterrichtsminister, Otto Rösch als Verteidigungsminister und Erwin Lanc als Innenminister bestätigten ihm mit Gutachten das öffentliche Interesse ihres jeweiligen Ressorts.

Die Neubesetzung der Ministerposten nach den letzten Nationalratswahlen machten Kery aber einen Strich durch die Rechnung: trotz einer Einladung nach Trausdorf mit Rundflug inbegriffen haben die Minister Karl Blecha und Friedhelm Frischenschlager Ende Oktober abgewunken: Zur Verkehrsüberwachung sei kein Hubschrauberlandeplatz nötig, der Stützpunkt Wiener Neustadt reiche völlig aus, so Blecha. Wegen seiner Lage im Luftbeschränkungsgebiet (vier Kilometer von der ungarischen Grenze) existiert der Sportflugplatz Trausdorf nur dank einer Sondergenehmigung der Ungarn und man wolle durch einen Ausbau zum Militärflugplatz die ausgezeichneten Beziehungen zu Ungarn nicht unnötig belasten, ließ Frischenschlager ausrichten.

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Doch Teddy und Theo lassen nicht locker. Ihr neuester Plan sieht vor, Trausdorf zu einem Tor zur großen weiten Welt auszubauen, durch das zahlungskräftige Ausländer ins Land geschleust werden sollen. Es drohen also Enteignung und Ankauf des Areals aus Mitteln der Landesregierung, die Umwidmung in einen „Landesflugplatz Burgenland" und die Verwaltung des Flugplatzes durch die Landesbehörden. Für die Anrainer hieße das: Asphaltieren und Zubetonieren der jetzigen Graspiste und eine Potenzierung der bisherigen Lärmbelästigung.

Der Eisenstädter ÖVP-Bürgermeister Kurt Korbatits ist von diesem Projekt natürlich genauso begeistert wie sein Landes-Chef Rudolf Grohotolsky und dessen Vorgänger Franz Sauerzopf. Wenn's ums Geld geht, hört sich sogar die Parteipolitik auf.

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Wer weiß, zu welchen Alpträumen sich Tourismus-Pläne im Burgenland auszuwachsen pflegen (siehe Ferienparks im Schilfgürtel des Neusiedlersees), kann erahnen, was auf die leidgeprüften Bürger zukommt. In holder Eintracht setzen sich die beiden Parteizeitungen BF (Burgenländische Freiheit) und bvz (Burgenländische Volkszeitung) für die Ausbaupläne ein und zitieren ehrfürchtig den zu einem Vortrag vor „burgenländischen Fremdenverkehrsprofis" geholten, erfahrenen Tourismus-Experten Dr. Helmut Zolles, der vor dem Auditorium der „Urlaubspäpste" festgestellt hat, daß „die Donauinsel in Wien der natürliche Feind des Burgenlandes ist" und daß „Einfallsreichtum vonnöten sein werde“!

Um nun die Idee „Flugfeld Trausdorf International" jenen schmackhaft zu machen, von deren Mitarbeit die Realisierung abhängt, lud Podgorski die Bürgermeister der angrenzenden Ortschaften, andere fluggeile Politiker und Presseleute (unter ihnen der designierte burgenländische Fremdenverkehrsdirektor Hans Kaippel) zu einem Demonstrationsflug der Tyrolean Airways von Schwechat nach Trausdorf (Flugdauer knapp 15 Minuten), der seine Wirkung auch nicht verfehlte.

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Den für diesen Sonderflug erforderlichen Bewilligungsbescheid erließ Kery unter mehrfacher Mißachtung des Luftfahrtgesetzes. Im Rekordtempo von zweieinhalb Wochen wurde das Ansuchen um Ausnahmegenehmigung gestellt, der behördlich aufgetragene Lastplattenversuch durchgeführt (wobei das zulässige Höchstgewicht von 5 auf 20 t angehoben wurde, also vervierfacht wurde!), das Gutachten des Statikers eingeholt und dem Ansuchen stattgegeben.

Die betroffenen Gemeinden bekamen keine Gelegenheit, zum geplanten Flug Stellung zu nehmen (§ 70 Luftfahrgesetz). Ebensowenig waren die gesetzlichen Bedingungen erfüllt (§ 71 LFG) - von der fehlenden Rechtskraft des Bescheides ganz zu schweigen: er wurde nämlich am 19. November erlassen und konnte laut Rechtsmittelbelehrung binnen zwei Wochen beeinsprucht werden — geflogen wurde aber schon am 23. November!

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Die Geschichte des Flugplatzes in Trausdorf ist nur eine weitere Episode in der langen Tradition politischer Unkultur im Burgenland, ein weiteres Symptom der unerschütterlichen Ignoranz seiner Politiker. Ein Land, in dem das Wahlgeheimnis mißachtet wird (Gemeinde- bzw. Landesangestellte sowie Lehrer kennzeichnen bei Wahlen mitunter ihre Stimmzettel, um sich für den Job erkenntlich zu zeigen; die für VGÖ und ALÖ bei den vergangenen Nationalratswahlen abgegebenen Unterstützungserklärungen lagen in den Parteizentralen offen zur Einsicht auf); ein Land, in dem in abgewandelter Form noch das feudale „ius primae noctis" (das Recht auf die erste Nacht) existiert; in dem Textilarbeiterinnen für 4.000 bis 5.000 Schilling im Monat ihre Gesundheit ruinieren während in der BEWAG siebenstellige Jahresgehälter fürs Daumendrehen gezahlt werden; in dem der Fortschritt noch in m³ Beton und m² Asphalt gemessen wird; in dem noch vor 10 Jahren ernsthaft das Projekt einer Brücke über den Neusiedlersee diskutiert wurde: ein solches Land scheint endgültig im Jenseits von Gut und Böse angelangt zu sein.

Die schüchternen Versuche des Widerstandes kommen zu spät, um den in den letzten 15 bis 20 Jahren erlittenen Schaden wettzumachen. Außerdem stellt sich ernsthaft die Frage nach der politischen Reife der Einwohner: Wer sagt, daß viele Trausdorfer nicht nur deshalb gegen eine Weiterverpachtung ihres Grundes gestimmt haben, um den Fliegerclub unter Druck zu setzen und mehr Geld verlangen zu können?

Wäre dies so, könnte es für die aufrechten Umweltschützer in Trausdorf zu einem bösen Erwachen kommen: Es ist nicht auszuschließen, daß ihre Pläne von Aufforstung, Rückwidmung in Weideland oder Errichtung eines Golfplatzes von einem reizvolleren finanziellen Angebot seitens der Flieger (die momentanen Pachtgebühren betragen 20.000 Schilling pro Jahr für 90 ha!) zunichte gemacht werden.

Womit die Macher wieder einmal in ihrem Glauben an die Manipulierbarkeit der Bürger bestärkt wären.

theo & teddy 1