Frakanava

Frankenau liest Kronen Zeitung. Das Schild hing am Bretterzaun des kleinen Sägewerks, an dem ich auf meinem Schulweg jeden Tag vorbeiging. Unser Haus stand an einem Ende des Dorfes, die Volksschule am anderen – so kam ich täglich nicht nur am Sägewerk, sondern an fast jedem Haus des Dorfes vorbei: an den drei Wirtshäusern und den vier Kaufhäusern, am Kindergarten und am Gemeindeamt, an der Raiffeisenkassa und der Tiefkühlgenossenschaft, am Pfarrhof und an der Kirche.

Die meisten der 183 Häuser, die es 1966 in Frankenau gab, waren Bauernhäuser, mit Höfen und Ställen und Scheunen. Fast in jedem dieser Häuser war ich zu Hause: hier sprangen wir in die Strohtristen, dort bauten wir uns eine Hütte, nebenan spielten wir verstecken. Wir verkrochen uns im Stall zwischen den Schweinen, hinter dem Taubenkobel, im Erdkeller und auf dem Dachboden, unter Riesenhaufen von Weizenkörnern. Nie musste ich hungern: ich aß gebratene Kartoffeln, rohe Rüben und Unmengen von Schmalzbroten – oft in einer Sommerküche, von deren Decke ein Dutzend über und über mit toten Fliegen bedeckter Fliegenfänger baumelte.

Je nach Jahreszeit roch es im Dorf nach frischem Kalk, Essigkren oder Jauchengrube. An manchen Orten roch es ganz eigen, nach Metall: in der alten Schmiede, in der glühende Hufeisen zischend ins Wasser plumpsten; in der Milchsammelstelle, wo die Bauern morgens und abends die kuhwarme Milch in riesige Nirostawannen schütteten; und in den zugigen Geräteschuppen, in denen ausrangierte Traktoren und Mähdrescher langsam vor sich hin rosteten.

Ich liebte es, mich mit meinen Freunden im Dorf zu bewegen, uns treiben zu lassen, von Haus zu Haus, frei und doch geborgen. Ich kannte fast jeden, fast jeder kannte mich. Wenn meine Eltern einmal nicht wussten wo ich war, oder wenn ich die Zeit vergessen hatte und nicht nach Hause kam, so gab es immer jemanden, der auf mich schaute.

Das ist die eine Seite des Dorfes – jene, die leichter zu beschreiben ist und die man damals überall im Burgenland finden konnte. Es ist die sichtbare, nach außen gewandte Seite. Darunter gibt es aber noch einen anderen, verborgenen Bereich. Der für Fremde unzugängliche Teil meines Dorfes umfasst seine Sprache, die Geschichte seiner Einwohner und die Politik.

Beginnen wir mit der Sprache. Mehr noch als in den Häusern und Straßen war ich in der Sprache des Dorfes zu Hause. Sie war mir vertraut, bevor ich zur Welt kam. Ich kannte sie, bevor ich wusste, wer ich war. Ich träumte in ihr, bevor ich noch sprechen konnte. Ich sagte mama i tata. Ich zählte jedan dva tri. Ich wünschte dobro jutro, dobar dan, dobar večer, laku noć. Die Sprache wiegte mich in den Schlaf, sie tröstete mich, und manchmal spielte sie mit mir: eci peci pec, ti si mali zec. Sie half mir, wenn ich etwas brauchte, sie stillte meine Neugier, sie lobte mich für meine Taten. Dafür liebe ich sie.

Die Sprache des Dorfes hatte ihren eigenen Klang und ihren eigenen, unverwechselbaren Rhythmus – ja sie war Rhythmus, sie war Klang, sie war Musik. Diese Musik war überall, in mir drinnen und um mich herum: zu Hause, im Kindergarten, in der Schule, bei den Freunden, auf der Straße, auf der Wiese und im Wald, Tag und Nacht. Manchmal war sie laut und klar verständlich, manchmal leise, kaum vernehmbar, wie ein Lied, das der Wind sachte über das Dorf weht.

Doch meine Sprache konnte mehr als nur schön klingen. Sie konnte sich mit Menschen und Dingen und Orten verbinden und ihnen Bedeutung geben. Jedes ihrer Worte verwies auf einen Teil meiner Welt, und jeder Teil der Welt hatte seinen Namen: zec war der Hase, škola die Schule, und der Traktor hieß traktor. Auch mir gab sie einen Namen, meiner Familie, meinen Freunden, meinem Dorf. Wir nannten es Frakanava.

Frankenau liest Kronen Zeitung. Monatelang ging ich am Sägewerk vorbei, bis ich begriff, dass sich der Satz auf dem Schild auf unser Dorf bezog. Intuitiv hatte ich die verschiedenen Namen des Dorfes als etwas Verschiedenes angesehen: das eine – Frakanava – war mein Zuhause; das andere – Frankenau – war mir fremd.

In den folgenden Jahren lernte ich dann immer besser Deutsch. Ich stellte mich unbekannten Menschen vor, studierte Landkarten, kaufte Fahrkarten für den Autobus, adressierte Briefe, und mit der Zeit wurde mir Frankenau immer vertrauter. Nach und nach gelangte ich zur Überzeugung, dass zwar der Name des Dorfes verschieden war, dass aber das Dorf immer dasselbe war.

Heute weiß ich, dass mein ursprüngliches, kindliches Gefühl richtig war: Frakanava ist nicht Frankenau. Auf der Erdoberfläche existiert das Dorf tatsächlich nur einmal, das stimmt, doch ändert sich mit dem Namen auch das Dorf selbst. Frakanava ist etwas anderes als Frankenau.

Meine Familie, unser Haus, das Dorf: alles, was mich seit meiner Geburt umgeben hatte, war für mich selbstverständlich, normal und natürlich. Auch meine Sprache empfand ich als etwas Organisches, Zu-mir-Gehöriges. Als Kind dachte ich nicht darüber nach, wie ich etwas sagen wollte – ich sagte es einfach. Mein Gefühl, mein Denken und mein Sprechen waren eins.

Nicht nur ich, jeder im Dorf empfand eine tiefe Verbundenheit mit unserer Sprache und den Menschen, die sie sprachen. Für jeden von uns bedeutete sie etwas Besonderes, und jeder trug dazu bei, dass diese Bande ständig gefestigt und erneuert wurden: die Kindergärtnerin sang mit uns Marica rožica, die Lehrerin lehrte uns Buchstaben mit und ohne Hačeks, der Pfarrer betete mit der Kirchengemeinde Otac naš, und die Theatergruppe spielte zu Weihnachten Teta Mone iz Arizone. Was auch immer wir in Frakanava taten, taten wir im Namen des Vaters, des Großvaters und all jener, die vor uns da waren. Unsere Vorfahren waren es auch, die dem Dorf einen Namen gegeben hatten, und dieser Name war uns heilig.

Allerdings gab es da noch jemanden, dem der Name unseres Dorfes wichtig war. Es waren jene, die aus fernen Residenzen auf unser Dorf blickten und es beherrschen wollten.

Čiji si ti, pflegten mich in Frakanava jene zu fragen, die mich nicht kannten. Wem gehörst denn du? Ja sam Noterov, antwortete ich dann – ich bin der vom Notar, also dem Amtmann seiner. Jeder im Dorf hatte nicht nur einen Taufnamen und einen Familiennamen, sondern auch einen Hausnamen, der seine Zugehörigkeit eindeutig festlegte. Auch meine Freunde hießen nicht einfach Tonči, Joško und Milica, sondern Tonči gehörte zu den Ivanovi, Joško zu den Julinkini und Milica war eine Podvrbamina. Jeder gehörte zu jemandem, und wir alle gehörten zu Frakanava.

Zu wem aber gehörte unser Dorf?

Vierzig Jahre vor meiner Geburt lag unser Dorf in der ungarischen Hälfte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Sein offizieller, in Budapest ersonnener Name lautete: Répcesarud. Répcesarud war eindeutig ein ungarisches Dorf und gehörte zu Ungarn.

Zwanzig Jahre vor meiner Zeit lag unser Dorf im Deutschen Reich. Seine amtliche, in Berlin festgelegte Bezeichnung lautete: Frankenau. Als ausgewiesen deutsches Dorf gehörte es sieben Jahre lang zum Tausendjährigen Dritten Reich.

Als ich zur Volksschule ging, lag unser Dorf schon in Österreich. Wenn ich aus meinem Elternhaus auf die Straße trat, um in die Schule zu gehen, sah ich unweit eine hölzerne Tafel mit der Aufschrift: Ortsende von Frankenau. Zu wem also gehörte das Dorf jetzt? Zu wem konnte es sich zugehörig fühlen?

Auf der einen, vom Dorf abgewandten Seite der Ortstafel stand: Frankenau. Auf der anderen, dem Dorf zugewandten Seite hieß es: Ortsende von Frankenau. Von Frakanava keine Spur, weder auf der einen Seite der Tafel noch auf der anderen. Nicht dass irgendwer aus dem Dorf die Tafel brauchte, um zu wissen, wo er zu Hause war – das wusste jeder ganz genau. Aber wenn jemand schon so eine Tafel dort hinstellte, warum tat er dann so, als existierten die Dorfeinwohner und ihre Sprache nicht, als gehörten sie nicht dazu?

Ich war 1966 nicht der Einzige, der die Ortstafel jeden Tag zu Gesicht bekam. Auch die Erwachsenen hatten sie ständig vor Augen. Manche von ihnen meinten, dass sich nicht viel geändert hatte, 1918 und 1945. Die Tafeln, so sagten sie, seien Symbole einer in Österreich nach wie vor populären Idee: ein Volk, ein Reich, eine Sprache.

Trotzdem konnten sie nicht verstehen, dass die demokratische Republik Österreich Frakanava von der Landkarte tilgte, zumal nur wenige Jahre zuvor Österreich selbst vom Deutschen Reich von der Landkarte getilgt worden war. Die hohen Herren in den Wiener Kanzleien, so meinten sie, sollten doch noch wissen, wie es ist, ein anonymer Teil eines großen, fremden Ganzen zu sein.

Ich für meinen Teil bin ganz zufrieden. Ein halbes Jahrtausend nach der Ansiedlung meiner Vorfahren und ein halbes Jahrhundert nach der Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages hat es Frakanava im Jahre 2000 nach Christus auf die Ortstafel geschafft. Nicht ganz nach oben, aber immerhin. Oben steht Frankenau, unten Frakanava. Auf jeden Fall kann man Frakanava jetzt auch sehen. Dort ist es sehr, sehr schön. Jako, jako lipo.

2014