Von Martini bis Nikolo 1993 bekam der amtierende Landeshautpmann des Burgenlandes Karl Stix jeden Tag einen Brief. Absender waren 22 Autorinnen und Autoren aus dem Burgenland, die in mehr oder weniger höflichem Ton ihre Sicht der Dinge darlegten. Die gesammelte Korrespondenz wurde später unter dem Titel "Briefe an Stix" im kanica-Verlag publiziert.

Briefe an Stix breit

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, lieber Karl!

Unlängst, als ich für die Gemüsesuppe einen Kürbis ausweidete, habe ich an Dich denken müssen. Ich mußte auch an die vielen Geschichten denken, die ich Dir schon immer einmal erzählen wollte, Dir, Deinen Vorgängern und Deinen Nachfolgern. Doch dann dachte ich, viele Geschichten, die wirst Du nicht lesen, dazu hast Du vor lauter Spaten stechen und Eröffnungsband schneiden gar keine Zeit. Also, dachte ich, fasse ich mich kurz, schreib auch keine Geschichte, sondern fange gleich mittendrin, mit ein paar Thesen, an:

1. These: Das Burgenland ist an seiner engsten Stelle, dem Sieggrabener Sattel, vier Kilometer breit.

2. These: Sensibleren Burgenländern und Burgenländerinnen ist das zu eng. Deshalb gehen viele fort und kommen nicht wieder.

3. These: Den sogenannten Politikern ist das nur recht, denn so sind sie sicher, daß keiner daherkommt und blöde Fragen stellt.

4. These: Bei den gegebenen Verhältnissen ist die Wahrscheinlichkeit, eine blöde Frage zu stellen, sehr groß.

5. These: Die richtige Frage zu stellen, ist wichtiger, als die richtige Antwort zu finden. Die richtige Frage ist oft eine blöde Frage.

6. These: Weil die blöden Fragen im Burgenland nicht geschätzt werden, stellt hier fast keiner die richtigen Fragen.

7. These: Eine wichtige Frage ist zum Beispiel: wer sind wir - was wollen wir? Wollen wir, daß uns die anderen ernst nehmen, oder wollen wir an ihnen verdienen?

8. These: Wollen wir an den anderen nur verdienen, kann es uns gleich sein was sie von uns denken. Sie denken nämlich: die Burgenländer sind liebenswürdige und wohlbeleibte Grenzdebile, so wie sie der Kumpf malt. Sie denken: die Burgenländer liegen den ganzen Tag unterm pannonischen Kirschbaum und geigen sich weg, so wie der Stricker.

9. These: Wollen wir aber ernstgenommen werden, dann wollen wir nicht, daß die anderen so von uns denken. Warum, lieber Karl, stellen wir uns dann dauernd als schwanzwedelnde Kuscheltiere dar?

10. These: Wollen wir ernstgenommen werden, und vor allem: wollen wir uns selbst ernstnehmen, dann brauchen wir eine burgenländische Identität. Keine burgenlandtümliche Identität, sondern eine burgenländische.

11. These: Hätten wir eine burgenländische, und keine burgenlandtümliche Identität, dann wüßten wir besser darüber Bescheid, was wir wollen und was wir nicht wollen. Wir alle. Wir würden nicht Tiroler Balkone bauen, die wir vom Fernsehen kennen. Wir würden nicht Schallplatten kaufen von sogenannten Volksmusikanten, die wir vom Fernsehen kennen. Und wir würden unsere Festspiele nicht von Schauspielern inszenieren lassen, die wir vom Fernsehen kennen.

12. These: Die Burgenländischen Festspiele - zu Land und zu Wasser – existieren nicht, damit dort Kunst gezeigt wird, sondern weil sie ein Geschäft sind. Ein Geschäft, von dem alle Beteiligten profitieren: die beliebten Schauspieler, weil sie en passant einen Haufen Geld verdienen; die Zuschauer, die die beliebten Schauspieler einmal nicht im Fernsehen sehen können; die Busunternehmer und die Wirte der Umgebung; und die sogenannten Politiker, die ihre Kompetenz beweisen können, indem sie die beliebten Schauspieler im Sommer ins Burgenland locken.

13. These: Ein Politiker, der das Burgenland repräsentiert, muß ein Burgenländer sein. Ein Künstler, der das Burgenland repräsentiert, muß entweder ein Nicht-Burgenländer oder gut abgelegen sein. Mindestens 150 Jahre! (Stell Dir vor, Karl, Du müßtest erst einmal 150 Jahre Radieschen von unten, bis ... )

14. These: Der Haydn ist sehr gut abgelegen, ist nicht im Burgenland geboren, und hat keine blöden Fragen gestellt. Der Mann wäre was für burgenländische Festspiele!

Eines, Karl, sollst Du noch wissen: ich mache mir keine Illusionen. Ich weiß, daß es Dir so, wie es ist, ungleich lieber ist. Sich auf die Suche nach seiner Identität zu machen, beinhaltet nämlich ein Risiko. Und zwar das Risiko, auf Unangenehmes zu stoßen. Dieses Risiko kann man minimieren. Am besten so, indem man die Kunst, die heutige Fragen stellt, ignoriert. Und indem man - läppisch zwar, aber immerhin - die Kunst von vorgestern fördert.

Ich wünsche Dir, lieber Karl, für Deinen weiteren Lebensweg alles Gute und hoffe, daß wir auch weiterhin so gut zusammenarbeiten werden wie bisher.

Pozdrav, Fred Hergovich

PS: Auf dem Weg zum Klo ist mir doch noch ein konstruktiver Gedanke gekommen: enteignet so schnell wie möglich die Trausdorfer und baut endlich den Landesflughafen! Ansonsten ist auch die letzte Chance zur Internationalisierung des Burgenlandes vertan.

PPS: Schönen Gruß an die Frau Landesrat und: Solidarität mit Hesoun, dem Grapscher!

Briefe an Stix breit